Selbstverständnis von NOLYMPIA LEIPZIG

Leipzig träumt wieder einmal von Olympia. Nicht aus eigener Kraft, versteht sich, sondern im Fahrwasser von Berlin. Als Beiboot. Als Staffage. Als die Stadt, die bitteschön mitglänzen darf, wenn die Metropole ruft. Ein altbekannter Leipziger Reflex: eine Mischung aus liebenswerter Provinzambition und fragwürdigem Größenwahn.

Während sich Politik und Verwaltung in einen regelrechten Olympia-Rausch reden und Leipzig rhetorisch schon auf Augenhöhe mit Paris, London und Tokio verorten, dominiert vor allem eines: Marketingsprech. Eine ernsthafte, ergebnisoffene Debatte über Pro und Contra? Fehlanzeige. Kritik stört bekanntlich die schöne Geschichte. Für Leipzig, so wird es verkauft, entstünden quasi keine Kosten – dafür aber ein bisschen Weltruhm. Glanz der großen weiten Welt für kleines Geld. Politiker*innen schwärmen vom „Fest der Völker“ (historisch pikant passend zur hundertjährigen Wiederkehr der Spiele von 1936) oder von einem großen verbindenden Gemeinschaftserlebnis. Wer da nach Zahlen fragt, hat offenbar den olympischen Geist nicht verstanden.

Olympia verzaubert – nur rhetorisch

Die olympische Idee vom friedlichen Wettstreit im Sport ist längst Geschichte. Keine noch so wortreiche Beschwörung kann darüber hinwegtäuschen: Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind vor allem ein globales Wirtschaftsereignis. Das Internationale Olympische Kommittee (IOC) ist kein Werteverein, sondern ein Konzern: notorisch intransparent, demokratisch nicht legitimiert, korruptionsanfällig und finanziell hochprofitabel.

Von den Milliardenumsätzen aus Medienrechten, Sponsoring und Merchandising kommt bei den Sportler*innen nur ein Bruchteil an. Menschenrechte, demokratische Standards oder soziale Folgen spielen eine untergeordnete Rolle – siehe Peking, Sotschi, Tokio oder zuletzt Paris. Im Spätkapitalismus zählt nicht Fair Play, sondern Cashflow. Wer Olympia will, opfert sich dem IOC. Bedingungslos.

Wer soll das bezahlen? Spoiler: nicht das IOC

Allein die Bewerbung, so schätzen Kritiker*innen in Berlin, wird die Hauptstadt mindestens 6 Millionen Euro kosten – wohlgemerkt ohne Garantie auf Erfolg. Erfahrungsgemäß steigen diese Kosten im Laufe des Verfahrens deutlich. Leipzig hingegen hält sich auffällig bedeckt. Der Marketingverein „Gold für Leipzig“ erhält bereits 25.000 Euro aus öffentlichen Mitteln. Zusätzlich werden Personalstellen im Rathaus dafür bereitgestellt, die Bewerbungsunterlagen zu erarbeiten.

Ansonsten soll – so die Erzählung – alles ganz „kostenneutral“ bleiben. Eine erstaunliche Behauptung in Zeiten klammer Kassen, gestrichener Stellen und Kürzungen im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich. Die Zahlen bleiben vage, Unterlagen werden nicht transparent veröffentlicht. Der Eindruck drängt sich auf: Die Leipziger*innen sollen gar nicht erst mit konkreten Beträgen belästigt werden. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, Fragen zu stellen oder gar zu rechnen.

Spiele für alle – und wer’s glaubt, wird selig

Gern wird die angeblich verbindende Wirkung der Spiele beschworen. Als Belege dienen dann Bilder aus Paris oder Sotschi. Wobei man sich fragen darf: Meint man das Paris, in dem zehntausende Menschen aus der Innenstadt verdrängt wurden? Oder das Paris, in dessen Seine man nur mit ärztlicher Begleitung schwimmen sollte?

Dass Olympische Spiele regelmäßig mit massiven Einschränkungen von Grundrechten einhergehen – Ausbau von Überwachung, Polizeibefugnissen, racial profiling – fällt im Begeisterungstaumel gern unter den Tisch. Solange sich die weiße Mehrheitsgesellschaft selbst feiert, scheint das hinnehmbar.

Dass Ticketpreise selbst für Vorrundenspiele meist jenseits dessen liegen, was Normalverdiener*innen bezahlen können, ebenfalls geschenkt. Olympia ist kein Volksfest, sondern ein Premiumevent – finanziert von allen, besucht von wenigen.

Stadtsoziologisch belegbar ist zudem: Olympische Spiele führen fast überall zu steigenden Mieten, weiterer Gentrifizierung und Verdrängung. Diese Effekte werden in Leipzig bislang nicht einmal ernsthaft diskutiert. Stattdessen setzt man auf schöne Bilder und wohlklingende Worte – Paris auf sächsisch, Banlieue-Effekte inklusive.

Nachhaltigkeit – Make Greenwashing Great Again

Natürlich darf auch das Zauberwort der Stunde nicht fehlen: Nachhaltigkeit. Es soll nichts neu gebaut werden, oder nur ganz wenig. Bestehendes soll genutzt, ökologisch geplant, sozial nachgenutzt werden. So zumindest die PowerPoint-Version. Die Realität von Großprojekten spricht eine andere Sprache. Nachhaltigkeit ist im Bauwesen oft das, was sie am besten kann: ein wohlklingendes Versprechen, heiße Luft mit grünem Anstrich.

In Leipzig war zeitweise geplant, Teile des Olympischen Dorfs anschließend für den sozialen Wohnungsbau zu nutzen. Inzwischen ist nur noch von Studierendenapartments am Stadtrand die Rede. So schnell kann soziale Verantwortung umgewidmet werden. Die immer gleichen Entscheidungsträger*innen, die sonst gern Solidarität beschwören, schauen dabei aus ihren Eigentumswohnungen herab und erklären dem Surplus Proletariat die Welt.

Reichtum für die Reichen – It’s the economy, stupid

Natürlich darf auch das Argument des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht fehlen. Dass bei nahezu allen bisherigen Olympiastädten die Rechnung nicht aufging und die Ausgaben die Einnahmen deutlich überstiegen – geschenkt. Geld fließt, ja. Aber vor allem zum IOC, zu Sponsoren, Baukonzernen und Eventdienstleistern.

Dauerhafte Arbeitsplätze entstehen kaum, dafür kurzfristige Einmaleffekte und ein Heer von Volunteers, die kostenlos arbeiten dürfen, damit das IOC die eigene Rendite steigert. Brot und Spiele für die Massen, Gewinne für wenige. Rom lässt grüßen – beziehungsweise die spätrömische Dekadenz und die bange Frage, wie lange man die Menschen eigentlich für dumm verkaufen kann.

Olympia in Leipzig – Nicht mit uns!

Wir bleiben skeptisch. Sehr skeptisch.

Oder, um einen ehemaligen Straßenkämpfer und späteren Außenminister zu zitieren, der Kriege dann doch gar nicht so schlimm fand:

We are not convinced.

NOLYMPIA LEIPZIG!


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